Die E-Mails bleiben unbeantwortet, die Telefonnummer ist nicht mehr vergeben, oder der Freelancer hat schlicht einen neuen Job. Die Website läuft noch. Aber niemand kann sie ändern, und niemand weiß, wie lange sie weiterläuft.

Das ist unangenehm, aber selten ein Notfall. Solange die Website erreichbar ist, haben Sie Zeit, die Sache geordnet anzugehen. Dieser Artikel zeigt die Reihenfolge, die sich bewährt hat.

Was Sie noch in der Hand haben

Bevor Sie irgendetwas anfordern, machen Sie eine Bestandsaufnahme. Gehen Sie Ihre Unterlagen durch und notieren Sie, was Sie finden:

  • Rechnungen. Wer stellt Ihnen was in Rechnung? Eine Domain, ein Hosting-Paket, eine Wartungspauschale? Jede Rechnung nennt einen Anbieter, und jeder Anbieter ist ein möglicher Weg zurück.
  • E-Mails mit Zugangsdaten. Viele Agenturen schicken beim Launch eine Nachricht mit dem Login für das Content-Management-System. Suchen Sie nach „Zugang“, „Login“, „Passwort“ oder dem Namen der Agentur.
  • Verträge und Angebote. Dort steht oft, wem Domain und Quellcode gehören und was bei einer Kündigung zu übergeben ist.
  • Logins, die noch funktionieren. Können Sie sich im Backend der Website anmelden? Haben Sie einen Zugang zum E-Mail-Postfach Ihrer Domain?

Am Ende steht eine Liste mit drei Spalten: vorhanden, bekannt, aber ohne Zugang, unbekannt. Die dritte Spalte ist meist länger, als man hofft, und das ist normal.

Zuerst die Domain

Die Domain ist der wichtigste Teil. Wer sie kontrolliert, bestimmt, wohin Ihre Website und Ihre E-Mails zeigen. Ein neuer Server lässt sich in einem Tag einrichten, eine verlorene Domain zurückzuholen ist dagegen mühsam und nicht immer möglich.

Finden Sie zuerst heraus, bei welchem Registrar die Domain liegt. Für .at-Domains ist nic.at die zentrale Registrierungsstelle; die Whois-Abfrage auf nic.at zeigt, über welchen Registrar die Domain verwaltet wird. Für .com und andere generische Endungen liefert die ICANN-Abfrage unter lookup.icann.org dieselbe Auskunft.

Dann die entscheidende Frage: Wer ist als Domaininhaber eingetragen, Ihr Unternehmen oder die Agentur? Die öffentliche Whois-Auskunft zeigt diese Daten aus Datenschutzgründen oft nicht mehr an. Der Registrar kann Ihnen aber sagen, ob Sie der Inhaber sind, und Ihnen in diesem Fall einen Zugang einrichten oder die Domain zu einem anderen Registrar übertragen.

Ist die Agentur als Inhaber eingetragen, wird es aufwendiger. Dann brauchen Sie ihre Mitwirkung oder einen Nachweis, dass die Domain Ihnen zusteht. Rechnungen, die Sie für die Domain bezahlt haben, helfen dabei.

Hinweis: Das ist keine Rechtsberatung. Wenn Verträge unklar sind oder Sie sich über die Herausgabe nicht einigen können, ziehen Sie eine Rechtsanwältin oder einen Rechtsanwalt bei.

Server und Hosting: Wer zahlt die Rechnung?

Beim Hosting hilft eine einfache Faustregel: Wer die Rechnung bezahlt, ist meist auch Vertragspartner des Hosters.

Zahlen Sie das Hosting selbst, wenden Sie sich direkt an den Hoster. Als Vertragspartner bekommen Sie Zugang zum Kundenkonto und darüber zum Server, zur Datenbank und zu den Backups.

Zahlen Sie das Hosting an die Agentur, liegt die Website auf einem Server, den die Agentur angemietet hat. Endet dieser Vertrag, ist auch Ihre Website nicht mehr erreichbar. Sichern Sie in diesem Fall so bald wie möglich eine Kopie: Dateien und Datenbank, nicht nur das, was man im Browser sieht.

Wenn Sie nicht wissen, wo die Website liegt: Die DNS-Einträge Ihrer Domain verraten, auf welche IP-Adresse sie zeigt, und die IP-Adresse gehört einem Hoster. Das lässt sich mit frei verfügbaren Werkzeugen nachsehen, oder Sie lassen es jemanden prüfen, der das regelmäßig macht.

Zugänge zurückholen

Mit Domain und Hosting unter Ihrer Kontrolle lassen sich die übrigen Zugänge in fast jedem Fall wiederherstellen:

  • Content-Management-System. Wer Zugriff auf die Datenbank oder den Server hat, kann einen neuen Administrator anlegen oder ein Passwort zurücksetzen.
  • E-Mail. Liegt das Postfach beim selben Hoster, kommen Sie über das Kundenkonto heran. Liegt es woanders, gilt dieselbe Frage wie beim Hosting: Wer ist Vertragspartner?
  • Zertifikat. Die meisten Websites nutzen heute automatisch erneuerte Zertifikate. Wichtig ist nur, dass die Erneuerung nach einem Umzug wieder eingerichtet wird. Sonst zeigt der Browser nach einigen Wochen eine Warnung.
  • Quellcode. Bei einer Website mit Content-Management-System liegt der Code meist auf dem Server. Bei individuell entwickelten Anwendungen gibt es oft zusätzlich ein Repository, etwa bei GitHub oder GitLab. Fragen Sie danach, falls Sie die Agentur doch noch erreichen.

Kommt der Kontakt doch zustande, stellen Sie eine konkrete schriftliche Anfrage: welche Zugänge, bis wann, in welcher Form. Eine vage Bitte um „alle Unterlagen“ wird leicht übersehen.

Wann ein Neubau sinnvoller ist

Nicht jede Website lohnt die Rettung. Ein Neubau ist oft die bessere Wahl, wenn:

  • das Content-Management-System seit Jahren keine Updates mehr bekommen hat und die Aktualisierung einem Neubau gleichkommt,
  • die Website von Plugins oder Erweiterungen abhängt, die nicht mehr weiterentwickelt werden,
  • niemand den Code dokumentiert hat und er so verschachtelt ist, dass jede Änderung ein Risiko ist,
  • Sie ohnehin vorhatten, Inhalte oder Auftritt grundlegend zu überarbeiten.

Umgekehrt gilt: Eine aktuelle Website auf einem verbreiteten System lässt sich meist gut übernehmen und weiterbetreiben. Die Entscheidung sollte auf einer Prüfung von Code und Server beruhen, nicht allein auf dem Wunsch nach einem Neuanfang.

Wichtig bei einem Neubau: Die Domain bleibt dieselbe, und die Adressen der einzelnen Seiten sollten es möglichst auch bleiben. Wer bestehende URLs weiterleitet, statt sie verschwinden zu lassen, behält die Positionen in den Suchergebnissen, die sich die alte Website erarbeitet hat.

Damit es nicht wieder passiert

Die meisten dieser Schritte wären unnötig, wenn die Zugänge von Anfang an bei Ihnen lägen. Legen Sie deshalb eine Liste an und halten Sie sie aktuell:

  • Registrar und Kundenkonto der Domain, mit Ihrem Unternehmen als Inhaber
  • Hoster und Kundenkonto, mit Ihrem Unternehmen als Vertragspartner
  • Administrator-Zugang zum Content-Management-System
  • Zugang zu E-Mail, DNS und gegebenenfalls zum Code-Repository
  • wer die Website betreut und wie diese Person im Urlaub vertreten wird

Was genau auf diese Liste gehört und wo Sie sie sicher aufbewahren, zeigt unsere Checkliste für die Zugangsdaten Ihrer Website.